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Das Privatgutachten im Zivilprozess


Privat- und Parteigutachten gewinnen in der zivilrechtlichen Praxis immer mehr an Bedeutung: Besonders in Bausachen, in denen komplexe Sachverhalte zu erfassen sind, vorzutragen und zu beweisen sind, bedienen sich Parteien zunehmend eines Privatgutachters. Dies geschieht in unterschiedlichen Stadien des Verfahrens und mit unterschiedlichen Zielrichtungen. Teils soll ein Rechtsstreit erst durch gutachterliche Untersuchung vorbereitet werden, teils ein gerichtlich eingeholtes Sachverständigen-Gutachten geprüft und hinterfragt werden. Die Einsatzmöglichkeit des Privatgutachters sind ebenso vielfältig wie die mit ihm verbundenen rechtlichen Fragestellungen. Die praktische Erfahrung zeigt, dass die Einbindung eines Privatgutachters nicht nur für die Parteien, sondern auch für das Gericht hilfreich und sinnvoll sein kann.


Der Begriff des Sachverständigen ist im Gesetzt nicht definiert. Die Definitionen in der Literatur stellen im Ergebnis drei Kriterien heraus, die eine Tätigkeit des Sachverständigen erfordert: Fachkompetenz, Glaubwürdigkeit und die Fähigkeit, Fachwissen in einer für den Laien verständlichen Sprache darzustellen. Diese Definition gilt grundsätzlich sowohl für den privaten als auch für den gerichtlichen Sachverständigen. Sowohl Gerichtsgutachter als auch Privatgutachter haben die Aufgabe, Auskunft über lehr- und Erfahrungssätze auf dem jeweiligen Wissensgebiet zu geben, Tatsachen aufgrund ihres besonderen Wissens festzustellen und Sachverhalte sachverständig zu beurteilen. Die Tätigkeit des Privatgutachters kann inhaltlich wesentlich mehr umfassen als die des gerichtlichen Gutachters, der ausschließlich den vom Gericht gestellten Auftrag zu erfüllen hat: Denn der privatgutachter handelt auf privatrechtlicher Grundlage in dem Umfang, den ihm der Vertrag mit seinem Auftraggeber vorgibt. Zu seinen Aufgaben kann daher beispielsweise auch die Beratung des Auftraggebers oder weiterer Personen, die Beteiligung an einer einvernehmlichen Streitbeilegung, die Kontrolle oder Prüfung der weiteren Abwicklung oder die Erstellung von Bescheinigungen gehören.
Der Privatgutachter ist in seiner Entscheidung frei, ob er einen Auftrag übernehmen oder fortführen will, während der Gerichtsgutachter grundsätzlich zur Erstattung des Gutachtens verspflichtet ist. Der Gerichtsgutachter ist auch im Weitern an die gesetzlichen Vorschriften in der ZPO gebunden, während der Privatgutachter die inhaltliche Ausgestaltung seiner Tätigkeit frei mit seinem Auftraggeber verhandeln kann.
Schließlich unterscheidet sich die Haftung des Privatgutachters wesentlich von der des gerichtlichen Sachverständigen: Bei Verletzung der vertraglich übernommenen Pflichten kann sich der Privatgutachter je nach Zweckbestimmung des Gutachtens sogar vertraglichen Haftungsansprüchen ausgesetzt sehen. Hingegen haftet der gerichtliche Gutachter nur dann, wenn die Voraussetzungen der gesetzlichen Haftung aus § 839a BGB erfüllt sind. Danach kann er bloß für Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit haftbar gemacht werden, während der  Privatgutachter grundsätzlich bereits für einfache Fahrlässigkeit einstehen muss.


Privatgutachten spielen im Zivilprozess besonders Rechtsgebieten mit komplexer Tatsachengrundlage zunehmend eine wichtige Rolle. Sie können einen Rechtsstreit nicht nur kompetent vorbereiten, sondern auch durch sinnvolle fachliche Begleitung in den verschiedenen Verfahrensstadien einen Rechtsstreit entscheidend befördern und befruchten.
Dies alles setzt allerdings voraus, dass der privatgutachter,  auch wenn er nicht durch das Gericht eingesetzt wird, alles dafür zu tun, Sachverständiger im Sinne der allgemeinen Definition zu bleiben und nicht womöglich aus wirtschaftlichen Interessen zum kritiklosen Werkzeug von Parteiinteressen zu werden. Soweit dies gewährleistet ist, ist der privatgutachter besonders in Bauprozessen ein wichtiger Prozessbegleiter, von dem nicht nur die beauftragende Partei, sondern auch das Gericht, der gerichtliche Sachverständige und nicht zuletzt der Rechtsfrieden in hohem Maße profitiert.

(teilweise übernommen aus „Der Bausachverständige“ April 2011)